Ein gerechter Platz für Friedrich August den Gerechten
Der erste König Sachsens, Friedrich August der Gerechte, hat seine letzte Reise angetreten. Seit dem 29. Mai hat die Bronzeplastik von dem Bildhauer Ernst Rietschel einen neuen Standort zwischen der Hofkirche und der Freitreppe zur Brühlschen Terrasse.
Nachdem das Monument seit 1843 zunächst im Zwingerhof errichtet wurde, musste es wegen der 1924 begonnen Restauration des Zwingers einige Standortwechsel über sich ergehen lassen. 1929 probeweise vor dem Mittelrisalit der Gemäldegalerie postiert, beschloss man 1930 seine Versetzung vor das Japanische Palais. Erst zur Ehrung Rietschels an seinem 200. Geburtstag vor vier Jahren rückte die Plastik, die neben dem Japanischen Palais an einem „unauffälligen und seines Wertes unwürdigen Ort“ gestanden habe, so Prof. Dr. Ingo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, wieder in den Blickwinkel der Dresdner Kunstkreise. „Die Beseitigung des Reiterdenkmals für König Albert im Jahre 1952 und die Zerstörung 1956 ermöglichte auf dem leeren Schlossplatz vor dem Ständehaus eine angemessene Aufstellung“, sagt der Architekt Klaus F. W. Tempel. Dort ist die nachdenklich thronende Statue des Königs nach monatelanger Restauration nun wieder zu bestaunen.
Der Name Ernst Rietschel steht im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kunst der Bildhauerei in Dresden und Deutschland im 19. Jahrhundert für entscheidende Neuerungen. Als Absolvent der Königlichen Sächsischen Kunstakademie zu Dresden und späterer Schüler des Berliners Christian Daniel Rauch erlernt Rietschel wesentliche Grundzüge der skulpturalen und plastischen Arbeit. Auf Empfehlung Rauchs erhält er 1827 den Auftrag für einen Entwurf zum Standbild des sächsischen Königs.
Vier Jahre später sollte er den endgültigen Auftrag für das Dresdner Denkmal erhalten. Daran geknüpft war der Wunsch Rietschels nach einer eigenen Werkstatt in Dresden, die er in den folgenden Jahren auch für die Arbeit mit seinen Studenten nutzen sollte. Mit Ernst Rietschel begann an der Dresdner Kunstakademie der Ausbau der hiesigen Ausbildung in der „höheren“ Bildhauerkunst. Nachdem der Künstler seinen Lehrauftrag am 1. Dezember 1832 antrat, schrieb er an seinen Berliner Mentor: „[…] nichts ist, was nicht nach und nach anders werden müsste, wahrlich die unbedeutendsten Modelleurs in Berlin modelliren meisterhaft im Vergleich zu hier“[1]. Tatsächlich ging die Ausbildung in Dresden nicht über den „allgemeinen Elementarunterricht des Modellierens“[2] hinaus. Schwer vorstellbar, dass Dresden in den Sechzigern und Siebzigern des 19. Jahrhunderts von dem Kunstgelehrten Cornelius Gurlitt sogar als „führend“ bezeichnet werden sollte.[3] Dabei geht die Entwicklung zu dieser Aussage von einem Mann aus, dessen eigene künstlerische Selbstfindung in Dresden begonnen hatte. So war die Plastik des Königs Friedrich August I. nicht nur Rietschels Durchbruch als anerkannter Bildhauer, sondern auch sein Erstlingswerk.
Nichts desto trotz vereint und beschließt dieses Monument einige der wichtigsten Neuerungen der Bildhauerkunst nach den Plastiken des Barocks, die die Realität mehr verzerrten als abbildeten. An einer Stelle, die den Herrscher sonst von seiner besten Seite zeigte – autoritär, stolz und erhaben – sieht man nun einen in sich gekehrten, nachdenklichen Mann, dem diese aufgezählten Attribute jedoch keineswegs fehlten. Zwar war Friedrich August I. in das Amt des Herrschers nicht mit den nötigen Ambitionen hineingeboren worden, jedoch konnte er mit Beharrlichkeit und einer überzeugenden Rhetorik auf dem Wiener Kongress 1815 überzeugen, Sachsen als Einzelstaat nicht auszulöschen. Der Beiname „Der Gerechte“ ist ihm dennoch nicht grundlos zugesprochen wurden. Er sorgte in seiner Regierungszeit für die Entwicklung eines Mäzenentums. So siedelten sich unter seiner Regentschaft Maler wie Caspar David Friedrich und Schriftsteller wie Novalis oder E.T.A Hoffmann in Dresden an. Als ein Mann der Romantik wurde der König ebenso wie die von ihm verehrten Künstler dargestellt – nachdenklich, in sich versunken und in die Ferne schweifend. Hoheit und Würde wird dem König „durch die meisterliche Formung des Umhangs, ohne Ordenszier, nur mit einer geknoteten Kordel an der Schulter“ verliehen, schreibt der Kunsthistoriker Werner Schmidt in der Broschüre zur Denkmaleinweihung. Damit steht es am Anfang einer neuen humanistischen Tradition in der Bildhauerkunst, die zuvor von Christian Daniel Rauch, dem Berliner Mentor Rietschels mit der 1825 entstanden Plastik für den bayerischen König Ludwig Maximilian I. Joseph in München, heraufbeschworen wurde. Die Hoheit und Würde des sächsischen Königs werden laut Schmidt auch durch das erhöhte und „architektonisch gegliederte“ Postament von Joseph Thürmer und Gottfried Semper transportiert. An den Seiten dieses sind die vier allegorischen Figuren von Gerechtigkeit, Weisheit, Frömmigkeit und Milde in Bronze gegossen, die für die Ideale des Friedens stehen.
Mit der Aufstellung des Denkmals an einem derart repräsentativen Ort Dresdens, vollzieht die Stadt einen weiteren Schritt weiter zu der Identifizierung mit dem humanistischen Denken des 19. Jahrhunderts, das Dresden erst zu einem der geistigen Zentren Deutschlands werden ließ.
Nora Malles, Studentin der Kunstgeschichte
[1] Gerd Spitzer: „Das Denkmal für König Friedrich August I. von Sachsen, das Augusteum in Leipzig und Rietschels Anfänge als Bildhauer in Dresden“, in: Ernst Rietschel – Zum 200. Geburtstag des Bildhauers, Hrsg. Bärbel Stephan, München/Berlin 2004, S. 51.
[2] Ebenda S. 51.
[3] Bärbel Stephan: „Ernst Rietschel und die Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts“, in: Ernst Rietschel – Zum 200. Geburtstag des Bildhauers, Hrsg. Bärbel Stephan, München/Berlin 2004, S. 12.
In Deutschland wird ja nicht soviel geredet...
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